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Die Geschichte von Remo Vazon, Überlebender des Flossenbürger Konzentrationslagers
Gesellschaftsthemen

Die Geschichte von Remo Vazon

Das Überleben in Arbeits- und Konzentrationslagern, die Rückkehr & die Beziehung zu Deutschland

"Mein Vater war ein politischer Gefangener, er bekam das rote Dreieck, weil er Partisan im oberen Susa-Tal war, nicht weit von der französischen Grenze. Er wurde am 3. November 1944 in der Via Roma in Turin, mitten im Zentrum, als Komplize bei einem Attentat verhaftet, das die Partisanen auf den politischen Kommissar des Fascio von Exilles, Flaviano Di Sessa, verübt hatten". 
Die Geschichte von Raimondo, auch Remo genannt, wird uns von seinem Sohn Sandro Vazon erzählt. Sein Vater wurde im Alter von 18 Jahren in Turin festgenommen, in das Konzentrationslager Flossenbürg und anschließend zur Zwangsarbeit nach Porschdorf und Oelsen deportiert. 

Seine Geschichte beginnt direkt nach der Verhaftung im Hotel Nazionale in Turin. Von der Schwarzen Brigade dorthin gebracht,  wurde er drei Tage lang geschlagen und gefoltert. "Sie zwangen ihn, zu gestehen, dass er zu dieser Partisanengruppe gehörte, und er wurde dann in das Nuove-Gefängnis in Turin gebracht, wo er etwa einen Monat lang blieb. Über einige Bekannte gelang es, ihn aus den Händen der Schwarzen Brigaden zu befreien, die inzwischen sein Todesurteil unterzeichnet hatten, und ihn unter deutsches Kommando zu stellen. Dann kam er, wie alle Italiener, die nach Deutschland deportiert wurden, in das Sortierlager in Bozen", erklärt sein Sohn Sandro, "wo die Bedingungen nicht so schrecklich waren, weil es ein Durchgangslager war, in dem entschieden wurde, in welches Lager in Deutschland oder Polen die Deportierten geschickt werden sollten. Er kam am 3. Februar 1945 in Flossenbürg an."

 

Die Geschichte von Remo Vazon, Überlebender des Flossenbürger Konzentrationslagers

In einem Viehwaggon eines Zuges fuhr er fünf Tage lang zum Konzentrationslager, ohne Essen und Trinken, umgeben von Gestank und Kälte. "Die Türen wurden nie geöffnet, nichts, nichts, bis zu dem Tag, und hier ist es mir wieder sehr klar, an dem der Zug hielt." Remo wurde direkt mit der schrecklichen Realität der Konzentrationslager konfrontiert. Er sah "einen Haufen Leichen, ich weiß nicht, ob es 60, 70, 100 waren, ich weiß es nicht, mehr oder weniger, alle nackt, alle, ein Haufen, ein Hügel, direkt neben den Gleisen... wenn ich in diesem Moment nicht verrückt geworden bin, werde ich nie wieder verrückt werden, denn ich hatte schon immer, seit ich geboren wurde, Angst vor den Toten, und ich wollte nicht einmal meine Großmutter tot sehen, so sehr hatte ich Angst vor den Toten".

Unter unmenschlichen Bedingungen blieb er etwas weniger als einen Monat in Flossenbürg. Nur sein Wunsch zu überleben hielt ihn am Leben. "Das Leben dort war miserabel, ich fing an, den Hunger richtig zu spüren, die Verzweiflung setzte wieder ein, ich sagte: hier ist alles vorbei, aber am nächsten Morgen kämpfte ich immer: ich muss leben, ich will zurückkommen."
Eines der wohl schrecklichsten Dinge, die den Alltag im Lager prägten waren die Appelle. "Die Appelle waren etwas Tödliches, denn der Appell fand draußen statt, in der Kälte, bei den ersten Strahlen, beim ersten Licht, er dauerte immer eine halbe Stunde, eine Stunde, eine Dreiviertelstunde. Egal, wie spät es war, sie standen stramm, starr und fielen wie die Fliegen."

 

 

Die Geschichte von Remo Vazon, Überlebender des Flossenbürger Konzentrationslagers

Im Konzentrationslager Flossenbürg wurden die Deportierten nach ihren körperlichen Charakteristiken aufgeteilt und in die Außenlager zum Arbeiten geschickt. So kam Remo nach Porschdorf, einem Dorf in Sachsen, etwa 40 Kilometer von Dresden entfernt. Er und die anderen Häftlinge wurden dazu gezwungen dorthin zu marschieren. Diesen gewaltvollen Zwangsmarsch hat Remo nie vergessen. "Sie zwingen uns zu einem Marsch, der nie endet, sie lassen uns in der Nacht in Bauernhäusern schlafen, und auf diesem Marsch fallen viele. Erschöpft hört man nur noch Schüsse, Pistolenschüsse. Oh, ich weiß nicht! Die Reihen wurden immer dünner". Sein Sohn Sandro fügt hinzu, dass das Dorf "in einem sehr feuchten Tal [lag], in dem es Kraftwerke gab. Er war damit beschäftigt, Steine zu bewegen, weil sie Tunnel bauten. Das war von allen der schlimmste Ort, ich erinnere mich an das, was er mir sagte: 'Es war noch schlimmer als Flossenbürg, die Bedingungen dort waren wirklich schrecklich'". 
In Porschdorf wird Remo zu Schwerstarbeit gezwungen. "Ich erinnere mich, wie ich diese Steine trug, sie fielen alle um, viele beteten das Ave Maria, den Rosenkranz, ich sagte: 'Ich komme zurück, ich komme zurück, ich komme zurück, ich komme zurück', ich legte den Stein hin, nahm den anderen, ging zurück: 'Ich komme zurück, ich komme zurück'". 

Von der SS gezwungen in unmenschlichen Konditionen zu arbeiten und zu leben entwickelte sich in Remo und vielen anderen Zwangsarbeitern ein Gefühl der Verachtung gegenüber den Bewohnern des Dorfes, insbesondere den jüngeren: "Ich erinnere mich, wie ich nach draußen ging, und da waren die Kinder, die zur Schule gingen, [...] sie spuckten dich an, und das tat mir am meisten leid, denn ich verstehe die Erwachsenen, aber die Kinder, sie müssen sechs, acht, zehn, zwölf Jahre alt gewesen sein, dieses Spucken, dieses Fluchen, dieses Verlangen, auf dich zuzugehen und dir ins Schienbein zu treten, aber sie konnten nicht, weil die Wache sie nicht in deine Nähe ließ, aber wenn sie es gekonnt hätten... Sie hätten uns in Stücke gerissen, und doch waren es Kinder, es waren Kinder von... von nicht mehr als zehn, von nicht mehr als zehn, ...nicht älter als zehn, zwölf Jahre alt."

 

Die Geschichte von Remo Vazon, Überlebender des Flossenbürger Konzentrationslagers

Im April 1945 wird Remo aus Porschdorf in ein nahegelegenes Dorf in Dreseden, Oelsen, gebracht.  
Sein Sohn Sandro erzählt: "Sie brachten ihn zu diesem großen Bauernhaus auf dem Lande, das ich vor einiger Zeit nach jahrelanger Suche gefunden habe und wo ich eine Gedenktafel für seine Befreiung anbringen möchte. In diesem Bauernhaus starben viele Häftlinge, viele von ihnen Italiener, einer von ihnen war ein sehr guter Freund meines Vaters, der mir immer wieder davon erzählte. Er sprach mit mir mehr über diese letzte Phase seiner Haft, gerade weil er dort einige liebe Freunde verloren hatte. Schließlich, zwischen dem 8. und 9. Mai, ließen die Deutschen alle Gefangenen dort zurück und mein Vater und die anderen Überlebenden wurden von den Russen befreit."

Seine Rückkehr nach Italien war ein langer Weg. Erst wurde er in ein russiches Krankenhaus gebracht und gegen Typhus behandelt, dann wurde er in russische und amerikanische Lager gesteckt, später kam er nach Chemnitz und dann nach Elba, später folgten Augsburg, Innsbruck, der Brenner, Bozen, Riva del Garda, Turin und schließlich Pinerolo. Im Mai befreit, kam er erst im Dezember 1945 nach Hause. 

 

 

Die Geschichte von Remo Vazon, Überlebender des Flossenbürger Konzentrationslagers

"Die Geschichten, die mein Vater mir über seine Verhaftung in Turin 1944 und die Gefangenschaft in Deutschland erzählte, waren ziemlich bruchstückhaft, er hat es nicht gerne getan. Er zog es vor zu vergessen", berichtet Sandro Vazon.  "Die Erfahrungen, die er während dieser sieben Monate Gefangenschaft gemacht hat, prägen einen Erwachsenen, ganz zu schweigen einen jungen Mann, der gerade noch ein Jugendlicher war."

Nach seiner Rückkehr endeten zwar Remos körperlichen Leiden, aber die Psychischen begannen. Er musste die verheerenden Erfahrungen, die er gemacht hatte, erst einmal verarbeiten. "Ich war nicht mehr ich selbst, schrie nächtelang, sprang im Bett auf, und meine sehr besorgte Mutter konnte das alles nicht verstehen. Albträume. Um das zu vermeiden, gab es nur eine Möglichkeit: spät schlafen gehen. Ich hatte meine alten Freunde ausfindig gemacht... aus meiner Jugend, ich erinnere mich, ich musste unbedingt so viele Stunden der Nacht mit ihnen verbringen wie möglich, ich erinnere mich, dass ich ins Caffè Marto ging, das in der Nähe des Fußballplatzes liegt, und ich blieb dort bis zwei, drei Uhr. Ich trank nicht und ich fing an zu trinken, ich rauchte nicht, ich fing an zu rauchen. Das Wichtigste war, nicht ins Bett zu gehen, denn ich wollte nicht denken, ich weigerte mich. Aber es war überall in dir, es hat deine Gedanken angegriffen".

An Gedenkfeiern wollte Remo lieber nicht teilnehmen, erinnert sich sein Sohn Sandro: "Mein Vater kehrte ein- oder zweimal nach Flossenbürg zurück, aus Neugierde, um diese Orte wiederzusehen, aber er tat es nicht gerne. Er hat immer veruscht sich aus diesen Dingen heruaszuhalten". Als Remo die Entscheidung traf ISTORETO (Giorgio Agosti' Piemontesisches Institut für die Geschichte des Widerstands und der zeitgenössischen Gesellschaft) seine Geschichte zu erzählen, fügte er hinzu: "Ich glaube nicht, dass ich es noch jemandem erzählen muss, ich glaube, das ist das letzte Mal. Ich will nicht mehr darüber reden, es reicht. Es ist vorbei, das Kapitel ist abgeschlossen, es ist zu Ende".
So hat es sich Sandro Vazon zur Aufgabe gemacht die Geschichte seines Vaters zu recherchiert und an den Gedenkveranstaltungen in Flossenbürg teilzunehmen: "An die Gedenkstätte werde ich einige Dinge spenden, die mein Vater am Ende des Krieges mitgenommen hatte, darunter die Registriernummer eines Internierten, Giacomo Bassis, der am 5. Mai 1945 in seinen Armen starb. Er hatte sie seinem Kameraden von der Uniform abgerissen, um sie jemandem in Italien geben zu können. Aber da er niemanden gefunden hatte, war es in unserem Haus geblieben." Der Gedenkstätte Flossenbürg hat Sandro bereits eine Rosenkranzperle geschenkt, die sein Vater bei seiner Ankunft in Flossenbürg im Duschraum gefunden hatte. Er bewahrte es während seiner gesamten Gefangenschaft auf und brachte es am Ende des Krieges mit nach Hause.

Sandro hielt die Geschichte und die Erinnerung an seinen Vater bei seinen verschiedenen Besuchen im Lager wach. "Ich hatte immer Kontakt zu verschiedenen Leuten aus der Gedenkstätte und war mehrmals dort. In diesem Jahr waren nur sechs von ihnen bei der Gedenkfeier zur Befreiung am 24. April anwesend. Aus diesem Grund wollen die Verantwortlichen der Gedenkstätte die Veranstaltung im nächsten Jahr anders organisieren und die Kinder der Überlebenden des Lagers stärker einbeziehen, damit sie sich alle kennenlernen und die Erinnerungen ihrer Eltern an diese verheerende Erfahrung teilen können. Sie kann und darf nicht vergessen werden."

Die Geschichte von Remo Vazon, Überlebender des Flossenbürger Konzentrationslagers

Das Gefühl Remos der Verachtung gegenüber den "Deutschen" hielt nicht für immer an. Sandro berichtet, dass es seinem Vater mit der Zeit gelang, sich mit den Menschen zu versöhnen, die ihm so viel Leid zugefügt hatten. "Ich wurde 1959 geboren, es war also schon 15 Jahre her, dass er nach Italien zurückgekehrt war, aber seine Erinnerung an das Geschehene war noch sehr lebendig, und ich verstehe, dass er einen gewissen Groll gegen die Deutschen hegte. Andererseits war es nach allem, was er durchgemacht hatte, durchaus verständlich. Als er dann älter wurde, begann er mehr und mehr zu verzeihen". Als Sandro seine jetzige Partnerin, eine Deutsche, kennenlernte, war er Anfangs etwas verunsichert, doch schnell wurde klar: Remo hatte es geschafft zu vergeben. Er schloss sie sofort in sein Herz, denn er wusste, dass die heutigen Deutschen, nicht die von damals sind. Dieser gewaltvolle Abschnitt der deutschen Geschichte wird in Deutschland durchaus Ernst genommen, die Schuld nicht vergessen. 
"Diese Gedenkstätten in Bayern werden alle vom Staat finanziert und ich denke, dass sie viel Geld investieren, damit das nie vergessen wird. Vor drei oder vier Jahren war ich mit einem Freund in München, und wir sind durch Dachau gegangen, und ich habe gesehen, dass auch dort alles sehr gut organisiert ist [...] ich denke, dass die Deutschen sehr sensibel mit diesem Thema umgehen und alles tun, damit es nicht vergessen wird" so Sandro.  

Im Jahr 2016 verstarb Remo im Alter von 90 Jahren. Wir gedenken ihm und allen Überlebenden und Opfern des Nazi-Regims und bedanken uns bei Sandro Vazon für die Zusammenarbeit.
Remo Vezons gesammte Geschichte von der Verhaftung bishin zum Dezember '45 ist auf der ISTORETO-Website auf Ton und mit Transkriptionen in italienischer Sprache dokumentiert.