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Pasquale Caputo, zu Fuß von München nach Barletta: "Ich trete in den Fußstapfen meines Vaters und aller italienischen Militärinternierten".
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Pasquale Caputo, zu Fuß von München nach Barletta: "Ich trete in den Fußstapfen meines Vaters und aller italienischen Militärinternierten".

1700 km in 68 Etappen, von München nach Barletta. Pasquale Caputo, 73, tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters Francesco, der als italienischer Soldat von '43 bis '45 in Moosburg, Memmingen und Kaufbeuren inhaftiert war und nach der Befreiung diesen selben Weg nach Hause, zu Fuß ging. "Die einzige Alternative für meinen Vater in jenem Mai '45 war, zu Fuß zu seiner Familie nach Apulien zurückzukehren, und genau das werde ich jetzt tun. Meine Entscheidung, diese Reise zu Fuß zu unternehmen, hat eine starke emotionale Komponente", sagt Pasquale, "und sie ist mit einer entfernten, aber sehr lebendigen Erinnerung in meinem Kopf verbunden. Mein Vater erzählte mir nur einmal von diesem Erlebnis, in einer Frühlingsnacht im März '56. Ich erinnere mich gut an das Datum, obwohl ich erst sieben Jahre alt war, denn damals gab es einen großen Schneefall, der ganz Apulien wochenlang bedeckte. Und ich konnte nicht anders, als dieses Gefühl des Leidens in der Geschichte seiner Rückkehr und dieser Reise in meinem Geist, in meiner Erinnerung, in meinem Herzen festzuhalten. Mein Vater starb '88 und hat nie wieder darüber gesprochen, aber das Gefühl, das mich damals berührt hat, ist nie verschwunden.

Seitdem sind sechsundsechzig Jahre vergangen, und der Wunsch, den Weg seines Vaters einzuschlagen, hat nicht nur nie nachgelassen, sondern er hat nun endlich die Zeit, die physischen Bedingungen und den Weg gefunden, ihn zu erfüllen. Obwohl Pasquale ein Sportler ist - er hat 25 Marathons und einige Ultramarathons absolviert, ist die Via Francigena und den Jakobsweg gelaufen - hat dieses Rennen eine ganz andere Bedeutungen, als die vorherigen . "Ich möchte in erster Linie den richtigen Wert des Opfers, welches diese (jungen) Männer gebracht haben, um nach Hause zu kommen, anerkennen. Ich habe diese Reise seit über einem Jahr geplant, aber in den letzten Monaten kam noch eine weiterer Grund fafür hinzu: die Hässlichkeit des Krieges, die Mühe, die Entbehrungen, die Not zu zeigen. In gewisser Weise ist es so, als würde ich all die Menschen mitnehmen, die jetzt unter den Bomben leiden, die Kriegsflüchtlinge, die orientierungslos sind und einen Ort suchen, an dem sie in Frieden leben können".

 

Pasquale Caputo, zu Fuß von München nach Barletta: "Ich trete in den Fußstapfen meines Vaters und aller italienischen Militärinternierten".

Pasquales Vorhaben, das von der Associazione Sportiva Dilettantistica 'Barletta sportiva' organisiert, von der Gemeinde Barletta gesponsert und von der UISP (Unione italiana Sport per tutti) unterstützt wird, wird außerdem durch innovative telemedizinische Instrumente überwacht, die von der Region Apulien zur Verfügung gestellt werden und seinen Gesundheitszustand täglich überprüfen. "Aber ich gehe komplett alleine", untersteicht Pasquale, "denn dies ist mein Weg, ein persönlicher Weg: jetzt, wo ich 73 bin, kann ich sagen, dass es so ist, als ob alle sportlichen Leistungen, die ich bisher vollbracht habe, dazu dienten, mich hierauf vorzubereiten."

Im Laufe der Jahrzehnte gelang es Pasquale, die Jahre der Gefangenschaft seines Vaters in Bayern mit viel Mühe zu rekonstruieren, obwol sich seine Erzählungen ausschließlich auf die Rückkehr nach Hause beschränkten und nicht auf die Zeit in den Arbeitslagern eingingen. "Mein Vater war Analphabet und realisierte nicht, was mit ihm geschah, in diesen zehn Jahren, die ihm genommen worden waren: von dem Zeitpunkt an, als er mit 18 Jahren Barletta verließ, um zum Militär zu gehen, bis zu der Nacht des 27. Juli '45, als er an das Haus meiner Großmutter klopfte, nachdem er den langen Heimweg zu Fuß zurückgelegt hatte. Er war bei der Kavallerie und wurde von seinem Regiment zum Stationshauptquartier in Verona geschickt, wo er für die Ausstattung der Militärwägen verantwortlich war. Dort wurde er nach dem 8. September gefangen genommen, weil er sich weigerte, in die Armee der neu gegründeten Republik von Salò einzutreten. "Die Orte seiner Gefangenschaft - Moosburg, Memmingen und Kaufbeuren - konnte ich dank zweier Postkarten aus dem Stammlager in Memmingen ausfindig machen, die er geschrieben und an meine Großmutter, seine Mutter, geschickt hatte: darauf waren die römische Ziffer des Lagers, in dem er inhaftiert war, und seine Häftlingsnummer angegeben. Mein Vater war Landwirt und wurde deshalb bei der Kartoffelernte auf den Feldern eingesetzt: er konnte sich durch Kartoffeldiebstahl ernähren, weil er es verstand, die Kartoffeln unbemerkt aus der Erde zu holen. In diesem Sinne war er reich, denn er hatte Handelswaren im Lager."

 

Pasquale Caputo, zu Fuß von München nach Barletta: "Ich trete in den Fußstapfen meines Vaters und aller italienischen Militärinternierten".

Ich habe seine ganze Geschichte rekonstruiert, weil ich wusste, dass er diese tragische Angelegenheit ganz ruhig angehen würde, als er mir an diesem Abend mit einem Lächeln auf den Lippen davon erzählte, so als wäre das, was er durchgemacht hatte, etwas ganz Normales. Schließlich hatte er in Barletta schon immer ein schweres Leben gehabt: er verlor seinen Vater - der wie ich Pasquale hieß - im Alter von zwei Jahren und hatte keine Möglichkeit zur Schule zu gehen, da er schon als Kind zu arbeiten begann. Doch er, der nur Dialekt sprach, weder schreiben noch lesen noch gebärden konnte, sagte manchmal ein paar Worte auf Deutsch: aber ich hatte nie den Mut, ihm Fragen über diese Jahre der Gefangenschaft zu stellen. Im Gegensatz zu ihm trug ich als Junge viel Wut über das, was er erlitten hatte, in mir, sicherlich mehr als er selbst".

Er zeigt den Wehrpass seines Vaters in Kaufbeuren, auf dem das Polizeifoto seines Vaters zu sehen ist. "Dies ist das erste Foto, das ich von meinem Vater als jungen Mann habe. Er war eigentlich ein großer Kerl, viel größer und kräftiger als ich, aber hier war er abgemagert und hatte blaue Flecken im Gesicht: man konnte sehen, dass er verprügelt worden war. In diesen Jahren las ich viele Tagebücher von IMI, die die Arbeitslager überlebt hatten, um zu verstehen, was er erlitten hatte. In Moosburg, dem Sortierlager, aus dem auch er kam, waren bis zu 140.000 Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht, die von dort in die Außenlager geschickt wurden. Zu dieser Zeit waren die Arbeitskräfte in Deutschland knapp, und die Unternehmen und Lager brauchten Männer, die sie versklaven konnten. Nachdem den IMIs den durch die Genfer Konvention garantierte Schutz entzogen wurde, wurden sie zu richtigen Unterworfenen, die wie Tiere arbeiten und sich nur von Abfällen ernähren".

Er schließt mit diesen Worten ab: "Eines möchte ich sagen: ich bin stolz auf meinen Vater und auf all die Jungen, die wie er unter seinen Schmerzen gelitten haben. In seiner Unwissenheit, in seiner völligen Kulturlosigkeit hat er Nein gesagt und sich geweigert, den Faschisten und den Nazis zu dienen, und hat dafür alle Arten von Folter und Misshandlung erlitten. Viele IMI starben an den Strapazen und sahen ihre Heimat und Familien nie wieder, andere überlebten die Rückreise nicht. Hätten doch diese Jungs den Rucksack gehabt, den ich trage, die bequemen Schuhe und die technische Kleidung, das Geld, um Essen zu kaufen und die Möglichkeit, in einem Haus zu schlafen. Ich tue nichts im Vergleich dazu, nicht einmal ein Millionstel ihrer Anstrengungen".

 

 

Übersetzung von Matilda Madonna