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<i> L'uomo del mercato </i> von Paola Cireddu
Rezensionen und Interviews

Paola Cireddu und Der Mann vom Markt: "ein kleiner Film, der es schafft die Welt zu erzählen"

Journalistin, Photografin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Musikerin aus Cagliari: Paola Cireddu drehte 2018 ihren ersten Kurzfilm mit dem Titel "L'uomo del mercato" (Der Mann vom Markt), produziert von Maurizio Abis Produktionsfirma Bibigùla, mit Unterstützung der Region Sardinien () und in Zusammenarbeit mit CELCAM unter der Leitung von Antioco Floris, der Abteilung für Geschichte, Kulturerbe und Territorium der Università degli Studi di Cagliari, sowie mit den Universitäten von Cagliari, Sassari und Tor Vergata. Für den Film hat sie auch das Drehbuch geschrieben und damit den Solina-Preis 2017 für den besten Kurzfilm (Thema und Drehbuch) gewonnen. Die Jury begründete den Gewinn damit, dass "L'uomo del mercato ist ein kleiner Film, der in der Lage ist, eine Welt durch eine authentische und spannende Figur zu beschreiben". 

Wir haben sie und einen der Protagonisten des Films, Alessio Arais, anlässlich des Kurzfilmfestivals Visione Sarde (Sardische Visionen), welches von MonaCorti und dem Italienischen Kulturinstitut Münchens organisiert worden ist, interviewt.

Sie erzählte uns, wie sie zu Marios Geschichte kam, die sie fast schon verfolgte: "Die Dinge kommen nicht einfach so, ich habe diese Leidenschaft schon seit vielen Jahren. Schon als kleines Mädchen habe ich schwarz-weiß fotografiert und geschrieben. All diese Dinge haben dazu beigetragen, dass ich mich in einem höheren Alter bereit fühlte, meine Geschichte zu erzählen. Ich sah Mario jeden Tag in den Außenbezirken von Cagliar, denn ich habe immer in dieser Gegend gelebt, und ihn zu sehen, wie er 30, 40 Boxen auf einmal schleppt, im Sommer wie im Winter und auch unter extremen Wetterbedingungen, war für mich wie eine Erscheinung, ein Zeichen. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, ihn kennen zu lernen: Ich hielt mitten auf der Straße an, ging auf ihn zu, stellte mich vor und versuchte zu verstehen, wer er war und warum er diesen Job machte, ohne jedoch in sein Leben und seine Privatsphäre einzudringen. Ich habe nur versucht, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, und gleichzeitig spürte ich, dass etwas sehr Mächtiges in mir vorging. Nach dieser Begegnung begann ich, Mario jeden Tag zu suchen: Wir lernten uns kennen, und ein Jahr später begann ich, etwas zu schreiben, mit dem ich die Gelegenheit hatte, an einem vom Premio Solinas mit den Atenei Sardi organisierten Hochleistungskurs teilzunehmen. Sie wählten mich aus, und von da an ging es weiter mit der Entwicklung des Drehbuchs, die sieben Monate dauerte, in denen ich auch auf Leute traf, die bereits Erfahrung hatten. Nach diesem Wettbewerb wurde ich mit einem Presi gekürt, den ich nicht erwartet hatte, denn es war schon schön genug für mich mit ihnen daran teilnehmen zu dürfen. Da das Regieführen schon immer eine meiner großen Leidenschaften war, für die ich viel studiert habe, beschloss ich, Marios Geschichte auch auf der großen Leinwand in einem kleinen Film zu erzählen: kein Dokumentarfilm, sondern eine fiktive Geschichte, in der die Figur jedoch real bleibt. Ich wollte, dass Mario im Film dieselbe Person ist wie in der Realität und dass seine Kraft und Würde zum Vorschein kommen, genau wie in seinem Leben, das er bis zu diesem Moment geführt hatte."

Der Wunsch der Regisseurin nach Authentizität spiegelt sich auch in der Auswahl der Schauspieler wider. "Für mich war es von Anfang an wichtig, dass Mario dabei ist. Ich habe eine Weile gebraucht, um ihn zu überzeugen, weil er zuerst nicht wollte, aber dann habe ich es geschafft. Bis auf den Boxenkäufer (Sergio Piano) sind alle anderen Laiendarsteller, und ich habe sie selbst in der Nachbarschaft gesucht. Das lag daran, dass ich wollte, dass der Film die ganze Authentizität und Realität zeigt, die diese Jungs geben konnten, die Dynamik, die sie gut kannten und die kein Schauspieler erreichen konnte. Stefano, der Schauspieler, der Antonio spielt, lehnte meinen Vorschlag, in dem Film mitzuspielen, zunächst ab, aber er hatte mich so beeindruckt, dass ich ihm sagte, er solle doch zum Vorsprechen kommen, und nach mehrmaligem Drängen sagte er auch zu. Stattdessen hat Alessio, der Schauspieler, der Michael spielt, sofort zugesagt, und darüber war ich sehr froh, denn in meinem Inneren wusste ich, dass er der perfekte Schauspieler für diese Rolle ist. Ich hatte nicht erwartet, dass ich die Figuren im Film genau so vorfinden würde, wie ich sie mir vorgestellt und geschrieben hatte".

Allein Marios Ausdruckskraft schafft es, die Wahrheit seiner Geschichte zu erzählen und sie gleichzeitig für die Erzählung eines Ortes und deseen sozialen Dynamik zu öffnen. "Was man im Film sieht, ist er, und obwohl die Geschichte teilweise fiktiv ist und ein Drehbuch geschrieben wurde, kann man auf der Leinwand sehen, dass Marios Ausdruckskraft, seine Person selbst, authentisch ist und keiner Vorbereitung bedarf", bekräftigt Cireddu. "Mit dieser Arbeit wollte ich keine Botschaften vermitteln, im Gegenteil, ich habe versucht, so weit wie möglich darauf zu verzichten. Ich hoffe, dass die Menschen in meinem Kurzfilm begreifen, was sie begreifen wollen. Ich kann nur sagen, dass diese Arbeit mit viel Ehrlichkeit gemacht wurde, ich habe viel Mühe und Jahre hineingesteckt, auch wenn es nur ein Kurzfilm ist. Ich wollte auch die Dynamik des Viertels erzählen, in dem Mario lebt und in dem fast alle Jungs im Film leben: Ich wollte, dass die Geschichte realistisch ist und nicht gut ausgeht ... schließlich ändert sich das Viertel nicht. Deshalb wollte ich keine professionellen Schauspieler."

Alessio Arrais spielt in dem Film Michael, einen Verkäufer moderner Gegenstände, der Mario zunächst zu helfen scheint, sich aber am Ende als kleinlich, egoistisch und nur an Geld interessiert erweist. "Während des Films habe ich mich von niemandem inspirieren lassen, ich habe nur auf Paolas Rat gehört. Als sie mich fragte, ob ich bei der Besetzung mitmachen wolle, sagte ich sofort zu, denn das Showgeschäft hat mir schon immer gefallen. Und ich gestehe, dass ich in Zukunft gerne in diesem Bereich studieren würde". Arrais beschreibt seinen Charakter als eine sehr präsente Figur in seinem Umfeld: "Er könnte leicht eine Person meines Alters sein", bestätigt er.

Man fragt sich natürlich, wie sich das Leben von Mario seit der Rolle in dem Kurzfilm verändert hat. "Mario macht weiter das, was er schon vor dem Film gemacht hat", antwortete Cireddu. "Natürlich war es nicht das Ziel, in Marios Leben einzugreifen und zu entscheiden, dass er seine Arbeit nicht mehr machen muss. So funktioniert das nicht. In der Nachbarschaft helfen ihm die Leute jetzt, und wir auch, aber man kann nicht erwarten, dass ein Film das Leben eines Menschen auf den Kopf stellt, ohne dass er darum bittet. Trotzdem war Mario sehr glücklich, an dem Film mitgewirkt zu haben, und nach der ersten Vorführung fragte er mich sofort: "Wann machen wir den nächsten Film?" 

 

 

Übersetzung von Matilda Madonna